Was ist das heute?
Leonard Nelson hat diese Gesprächsform so gekennzeichnet: „ Die sokratische Methode ist nämlich nicht die Kunst, Philosophie, sondern Philosophieren zu lehren, nicht die Kunst, über Philosophen zu unterrichten, sondern Schüler (Anm: Menschen generell)  zu Philosophen zu machen.“ Bei ihm liegt im Gegensatz zum klassischen sokratischen Dialog, der nur einen Partner hatte, der Schwerpunkt auf der strukturellen Entwicklung für mehrere Teilnehmerinnen; aber beide Arten sind Gespräche mit ‚maieutischer Absicht‘, d.h. die Gesprächsteilnehmenden werden nicht belehrt sondern dabei unterstützt, ein eigenes Urteil zu bilden/zu treffen.
Sokrates stellte konkrete Fragen, die dem anderen ein Mitvollziehen des Gedankenganges ermöglichten oder auch nicht. Bei Nelson und später Heckmann liegt die Aufgabe zu argumentieren bei den Teilnehmerinnen, die Leitung (vergleichbar damals mit Sokrates) wirkt nur indirekt, indem sie das Gespräch so steuert, dass sich die Teilnehmerinnen gegenseitig richtig verstehen und bei der zu beantwortenden Frage bleiben.
 
Ziele des sokratischen Gespräches
Gustav Heckmann (durch den ich das sokratische Gespräch im Studium kennenlernte schrieb dazu: „ Das Ziel ist, dass die Teilnehmer Einsichten gewinnen, und das heißt: sie im eigenen Geist auffinden. Einsicht ist etwas anderes als durch Sinneswahrnehmung vermittelte Kenntnis oder ein Wissen, das mir durch einen anderen vermittelt wird. Jeder kann die Einsicht nur reflektierend im eigenen Geist finden. Das Gespräch zwischen Partnern, unter denen keiner für den anderen Autorität ist, kann dazu wesentlich helfen.“
Bei dieser Suche nach eigenen Einsichten ist das Bemühen um Wahrheit eine treibende Kraft. Es ist immer wieder faszinierend, festzustellen, wie unterschiedlich das Denken jedes einzelnen in der Gruppe ist, da es ja durch individuelle Erfahrungen, auch verschiedene Denkstrukturen und Gefühle beeinflusst wird. Im sokratischen Gespräch bemühen wir uns, unsere eigenen Gedanken an denen der anderen zu überprüfen und evtl. zu korrigieren oder zu modifizieren, also gemeinsam zu denken und dann zu Aussagen zu kommen, denen alle zustimmen können.
Ein weiterer Schwerpunkt ist das ‚genaue Zuhören‘

. D.h., wenn ich mir nicht klar bin, Zweifel habe zu Aussagen oder Urteilen, frage ich nach, versuche diesen Aspekt für mich selbst (und oft auch für andere in der Gruppe, wie die Erfahrung zeigt) zu klären. Außerdem wächst Selbstvertrauen durch die Erfahrung, dass wir nicht darauf angewiesen sind, Urteile von Autoritäten zu übernehmen, sondern durch unseren eigenen ‚gesunden Menschenverstand‘, d.h. durch eigenes Denken, selbst zu sinnvollen, begründeten Urteilen kommen können. schätzung, der Akzeptanz von Unterschieden, des partner-schaftlichen Umgangs miteinander, der Offenheit gegenüber dem ‚Anders-sein‘ / dem ‚Anders-denken‘, und dem Ernstnehmen all dieser Aspekte, den die o.a. Methode in der Praxis meist nicht beinhaltet. 
Dazu kommt, dass das sokratische Gespräch für das demokratische Bildungsziel ‚mündige Bürger‘ eine politische Wirkung hat, selbst wenn es sich nicht direkt um ein politisches Thema handelt.
Bei ethischen Themen kann das gemeinsame Nachdenken zu einer Orientierungshilfe beim Auseinandersetzen mit der eigenen Lebensführung und dem gesellschaftlichen Zusammenleben werden.
 
Fazit im Sinne von eigenen Erfahrungen
Das sokratische Gespräch, d.h. oft auch nur Elemente davon, habe ich immer wieder in Schule, Aus- und Fortbildung mit positiven Rückmeldungen eingesetzt. Es ist eindeutig nicht zu verwechseln mit der sogenannten pädagogischen ‚fragend-entwickelnden‘ Methode, so wie sie in der Schulpraxis im Allgemeinen durchgeführt wird (vgl. dazu Unterrichtsaufzeichnungen bei R. Loska). Hinter dem sokratischen Gespräch steht eine eigene Einstellung der Wert

 

Durchführung Sokratischer Gespräche
Die Gesellschaft für Sokratisches Philosophieren (GSP) und die Philosophisch- Politische Akademie (PPA) bieten seit Jahren sokratische Seminare an, in denen in Gruppen von 6 bis 12 Personen unterschiedliche philosophische und mathematische Themen eine Woche lang(inzwischen gibt es auch Wochenendseminare) nach der sokratischen Methode bearbeitet werden.
Die Mitglieder der GSP sind ausgebildete sokratische Gesprächsleiter die die von Nelson und Heckmann entwickelte Methode des dialogischen Philosophierens in Gruppen einsetzen, d.h. deren Arbeit fortsetzen.
Für die Teilnahme an einem Sokratischen Gespräch (SG) sind keine philosophischen Vorkenntnisse erforderlich - nur die Bereitschaft, sich auf diese Methode einzulassen. Wichtig ist, dass jede Teilnehmerin nur eigene Überlegungen ausdrückt, sich nicht auf ‚Autoritäten‘ (wie Literatur etc.) bezieht und keine Thesen vertritt, von denen sie nicht über-zeugt ist.
Im Sokratischen Gespräch wird darauf vertraut, dass jede Teilnehmerin Gründe für ihre Argumente hat. Nur auf dieser Grundlage ist das sich gegenseitig ‚Ernstnehmen‘ möglich.
„Durch den Austausch von Argumenten und Gründen gelingt es ..., den Wahrheitskern auch von unterschiedlichen Auffassungen herauszuschälen. Im sokratischen Gesprächs kommt es nicht darauf an, Recht zu behalten: Das gemeinsame Anliegen ist, zu einer besseren Einsicht zu gelangen.“
 
Ablauf eines Sokratischen Gesprächs
Zu der Fragestellung wird ein selbst erlebtes Beispiel einer Teilnehmerin ausgewählt. Das Thema wird dann von diesem konkreten Beispiel ausgehend allmählich abstrahierend untersucht. Wichtig sind dabei die Urteile, die zu dem Beispiel gefällt werden. Dazu werden dann Prinzipien, Überzeugungen und Werte heraus gearbeitet. Dann kann die Untersuchung beginnen, wieweit die anhand des Beispiels aufgestellten Urteile allgemeingültig sind.
Wichtig ist die konstante Teilnahme aller Teilnehmer von Anfang bis Ende des Sokratischen Gesprächs.
 
aus Gründen der besseren Lesbarkeit beinhaltet der Begriff beide Geschlechter
 
Literatur
Nach der von Leonard Nelson und Gustav Heckmann entwickelten Methode:
L. Nelson (1882-1927), Prof. für Philosophie an der Universität, Göttingen, Vortrag am 11.12.1922 bei der pädagogischen Gesellschaft in Göttingen, aus: L. Nelson: Gesammelte Schriften, Bd. 1, S. 271
Heckmann, G.: Das sokratische Gespräch, Erfahrungen in philosophischen Hochschulseminaren, Schroedel Verlag, Hannover 1981. Neuausgabe mit Vorwort von Dieter Krohn im dipa-Verlag, Frankfurt a,M, 1993
Rainer Loska: Lehren ohne Belehrung, Kap. 3, Klinkhardt, Bad Heilbrunn, 1995 Broschüre PPA/GSP