Umgang mit Widerständen im Schulentwicklungsprozess

Geschrieben von Joachim von Lingen

1. Schulen verändern sich – jeden Tag
Ausgehend von der banalen Erkenntnis, dass sich Schulen – wie jedwede andere gesell-schaftliche Systeme auch – auf Grund des sozialen und ökonomischen Wandels jeden Tag zumindest ein kleines Stück verändern, steht etwa seit Mitte der 90er Jahre in der bildungs-politischen Debatte die systemtheoretische Perspektive im Mittelpunkt: Schule kann gelingen und erfolgreich(er) werden, wenn der Prozess dieser sowieso stattfindenden Veränderung reflektiert und zu einem hohen Maß bewusst gesteuert und vorangetrieben wird. Dazu braucht es einen „Masterplan“, der Entwicklungsziele,

Entwicklungsschritte und Entwicklungsmethoden hinreichend transparent beschreibt. Ein solches langfristiges angelegtes Entwicklungskonzept kann allerdings nicht statisch sein, sondern muss dynamisch neuen Entwicklungen, Herausforderungen oder Erkenntnissen immer wieder angepasst werden.

2. Schulen können gar nichts – nur Menschen können

„Der Schule“ wird in vielerlei Hinsicht Verantwortung zugeschrieben. Dabei wird häufig verkürzend argumentiert. Nicht „die Schule“ kann präventiv arbeiten, kann Schlüssel-qualifikationen und/oder fachliche Kompetenzen vermitteln. Nicht die Institution kann die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler weiterentwickeln und deren individuell sehr unterschiedlichen und facettenreichen Bildungsprozess fördern und vorantreiben. Dieses vermögen nur in der persönlichen und unmittelbaren Begegnung die in der Schule tätigen Menschen, insbesondere die Lehrerinnen und die Lehrer. Dieses anzuerkennen ist erste Voraussetzung einer entwicklungsfördernden Kultur des wertschätzenden Umgangs mit-einander.

3. Berufsbegleitung, Schulentwicklung und die dritte Seite der Medaille

Schulentwicklung kann dann erfolgreich sein, wenn von Beginn an zugleich die Perspektive der persönlichen Entwicklung der am Prozess Beteiligten einbezogen wird. Schulentwicklung und Persönlichkeitsentwicklung sind untrennbar miteinander verbunden. Eine Steigerung einer der beiden Kategorien zu Lasten der anderen (zum Beispiel Steigerung der Effektivität zu Lasten der humanen Dimension des Systems) ist einer umfassenden Schulentwicklung abträglich, insofern kontraproduktiv und keine wirkliche Weiterentwicklung des Systems. Gelingende Schulentwicklung nimmt beide Aspekte – Berufsbegleitung und Schulentwicklung – gleichermaßen mit auf.

Als „dritte Seite dieser Medaille“ ist unbedingt über das eigene System hinauszudenken. Die Einbindung der eigenen Schule in Netzwerke benachbarter Schulen und die Verantwortung für bildungspolitische Entwicklungen in lokalen, regionalen und darüber hinausgreifenden Bezügen muss wahrgenommen und erkannt werden, um die Klarheit der eigenen Maßstäbe schärfen und sich begründeter positionieren zu können. Die so gelebte Verantwortung über das eigene unmittelbare System hinaus verhilft zu einer Metaperspektive und verhindert „blinde Flecken“ in der

4. Schulentwicklung – nicht gegen, sondern mit dem Widerstand

Prozesse der Schulentwicklung mit ihren intendierten Veränderungen bedeuten immerauch ein erhöhtes Maß an Dynamik, die im System durchaus Widerstände hervorruft. Widerstand kann sich vielfältig äußern: offene Auseinandersetzung und Widerspruch, Ausweichen und/oder Aussitzen, Diskreditierung, Bagatellisierung, innere Emigration, Intrigen. Vieles ist möglich und die Palette möglichen Verhaltens damit längst nicht abschließend umrissen. Voraussetzung zu einem gelingenden Umgang mit Widerständen im Schulentwicklungs-prozess ist, dass wahrgenommene Verhaltensweisen und Prozesse thematisiert werden. Wo liegen die Gründe des Widerstands? Weisen sie auf zu wenig durchgearbeitete Aspekte des Prozesses und bislang nicht bedachte Wirkungen hin?

Widerstand ist zunächst und in allererster Linie durchaus eine Ressource zur Stärkung des eigenen Anliegens und muss Ausgangspunkt und Anlass offener, integrierender Kommunikation im System sein. Unterschiedliche Auffassungen müssen, wenn sie denn nicht integrierbar sind, deutlich als Alternativen zum Ausdruck gebracht werden und sind im System transparent zum Beispiel durch Mehrheitsabstimmungen zu entscheiden. Die individuelle Handlungsfreiheit der Mitglieder des Systems, also der Lehrkräfte der Schule, findet ihre Grenze in gemeinsam getroffenen und verantworteten Beschlüssen. Gelingende Schulen haben diesen „korporativen“ Aspekt stark durchgearbeitet. Hinhaltendem „Widerstand“ vor dem Hintergrund subjektiv empfundener individueller Freiheit wird auf diese Weise wenig Raum gelassen. Zugleich fördert eine solch korporative Entscheidungskultur die Reflexion, Kooperation und eine hilfreiche Kultur der Auseinandersetzung in bedeutender Weise.

5. Das wichtigste Werkzeug ist man selbst

Reflektierter Umgang mit Widerständen setzt voraus, dass die Beteiligten eigene Verhaltensweisen in ihren individuellen Akzentuierungen und Mustern in einem hohen Maß verstehen. Wenn die eigene Persönlichkeit in hohem Maße durchgearbeitet ist, wächst zum einen die eigene Kompetenz zum Handeln in konfliktträchtigen Feldern, zum anderen wächst das vertiefte Verstehen für die Beweggründe des Handelns anderer. Auf diese Weise können Verhaltensweisen (des Widerstands) in ihrer Tiefendimension „unterhalb der Oberfläche“ besser wahrgenommen und verstanden werden.